Jahrgangskombinierte Klassen - alles, was Eltern wissen sollten

1. Was sind jahrgangsgemischte Klassen?
Jahrgangskombinierte bzw. jahrgangsgemischte Klassen umfassen in der Regel Lerngruppen, die sich aus Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 1 und 2 bzw. der Jahrgangsstufen 3 und 4 zusammensetzen. Die Einrichtung jahrgangskombinierter Klassen beruht auf pädagogischen Konzepten, die - wie im Bereich des Kindergartens auch - mit altersheterogenen Lerngruppen arbeiten und die Verschiedenheit an Wissen und Erfahrung innerhalb dieser Gruppen für das Lernen fruchtbar machen.

Die erzieherische und unterrichtliche Arbeit in den jahrgangskombinierten Klassen orientiert sich - wie die Arbeit in jahrgangsreinen Klassen - an dem für die Bayerischen Grundschulen konzipierten Lehrplan aus dem Jahr 2000. Dieser ist für die Jahrgangsstufen 1 und 2 im Fach Deutsch bereits jahrgangsübergreifend angelegt.

Aber auch in allen weiteren Fächern entspricht es den Prinzipien effektiver Unterrichtsgestaltung, den Lernprozess auf die jeweiligen individuellen Lernvoraussetzungen abzustimmen. Es entstehen daher sowohl in den Jahrgangsstufen 1 und 2 als auch in den Jahrgangsstufen 3 und 4 stets inhaltliche Überschneidungen mit den Lehrplaninhalten der nächst höheren bzw. nächst niedrigeren Jahrgangsstufe. Diese Überschneidungen gilt es in jahrgangskombinierten Klassen im Klassenlehrplan wie im täglichen Unterricht in besonderer Weise didaktisch, methodisch und organisatorisch aufzubereiten.

Lernen in jahrgangsheterogenen Gruppen entspricht in mancher Hinsicht dem Lernen in nichtschulischen Bereichen wie Familie oder Freundeskreis. Neben dem Lernen am Modell spielt hier vor allem das Lernen in Helfer- bzw. Tutorensystemen, in Patenschaften und in Lerntandems eine zentrale Rolle. Diese Unterstützungsmöglichkeiten können besonders gut in offene Lernformen wie Freiarbeit, Wochenplanarbeit, Projektarbeit etc. eingebracht werden.

 

2. Welche rechtlichen Vorschriften gelten für jahrgangsgemischte Klassen?

Grundlage bildet Artikel 32 des Bayrischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes

Die Volksschulen sind so zu errichten, dass die Schüler grundsätzlich auf Jahrgangsklassen verteilt sind. 2Bei besonderen örtlichen Gegebenheiten können an den Grundschulen ausnahmsweise zwei Jahrgangsstufen in einer Klasse zusammengefasst werden.

In jedem Jahr werden Richtlinien zur Klassenbildung veröffentlicht. In den Richtlinien des Schuljahres 2006/07 heißt es:

"Nach Art. 32 Abs. 2 BayEUG können in den Grundschulen jahrgangskombinierte Klassen der Jahrgangsstufen 1 und 2 bzw. 3 und 4 gebildet werden. Derartige Klassen werden seit Jahren zur Aufrechterhaltung der bestehenden Schulorganisation errichtet. Das pädagogische Konzept der jahrgangskombinierten Klassen hat sich bewährt. Diese Bewertung ergibt sich aus der Arbeit der seit vielen Jahren bestehenden jahrgangskombinierten Klassen und den Ergebnissen des vom Kultusministerium durchgeführten und wissenschaftlich begleiteten Modellversuchs in den Jahren 1998 bis 2002.

Jahrgangskombinierte Klassen können daher auch parallel zu Jahrgangsklassen errichtet werden. Dies ist verstärkt dann anzustreben, wenn an einer Grundschule die durchgängige Errichtung von Jahrgangsklassen zu sehr kleinen Klassen führen würde. Jahrgangskombinierten Klassen werden in der Regel 2 Unterrichtsstunden (Lehrerstunden oder Förderlehrerstunden) zusätzlich zugewiesen. Diese Stunden sind aus dem Budget des Staatlichen Schulamts zu nehmen."


3. Welche Erfahrungen gibt es mit jahrgangsgemischten Klassen?

Jahrganggemischte Klasse gibt es seit Bestehen der Grundschule, da in ländlichen Regionen anders eine wohnortnahe Beschulung nicht gewährleistet werden konnte.

Ende der 70er Jahre wuchs das pädagogische Interesse an dieser Form, die in städtischen Regionen nicht mehr anzutreffen war. Das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung betreute deshalb von 1998/99 bis 2000/01 das Modellprojekt "Jahrgangsgemischte Eingangsklassen" in zunächst sieben Grundschulen. An diesen Schulen mussten überwiegend aus schulorganisatorischen Gründen jahrgangskombinierte Eingangsklassen gebildet werden. Ab dem Schuljahr 2000/01 schlossen sich - auf freiwilliger Basis - 17 weitere Grundschulen in Bayern dem Konzept an. Diese neuen Schulen entschieden sich zum größten Teil aus pädagogischen Gründen für jahrgangsgemischte Grundschulklassen und entwickelten unterrichtliche Möglichkeiten in jahrgangsgemischten Anfangsklassen. Der Modellversuch zeigte deutlich, dass die Jahrgangsmischung eine sinnvolle pädagogische Alternative zur Jahrgangsklasse darstellt. Es wurde festgestellt, dass die Kinder ebenso viel lernten wie in jahrgangsreinen Klassen, dass sie aber im sozialen Verhalten größere Fortschritte gemacht hatten.

Die beteiligten Schulen nennen vor allem folgende Vorteile des Unterrichtens in jahrgangskombinierten Klassen:

  • Der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule erfolgt problemloser und kindgemäßer, da das den Kindern vertraute Prinzip der Altersmischung beibehalten wird.
  • Die Altersmischung ermöglicht den Kindern vielfältige Erfahrungen als "Lehrende" und "Lernende" und leistet dadurch einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit.
  • Die Schüler profitieren aufgrund der erforderlichen parallelen Planung verschiedener Lernprozesse von einem besonders differenzierten und individualisierten Unterricht.
  • Soziale Lernprozesse werden in besonderem Maße gefördert.
  • Durch das Lernen am Modell entwickeln die Schüler sowohl regelkonformes Verhalten als auch Lern- und Arbeitstechniken.
  • Die Schüler finden sich durch einen häufigeren Wechsel der Lerngruppen und Lernpartner immer wieder in neue Rollen ein und entgehen dadurch der Gefahr einer starren Rollenverteilung.
  • Durch vielfältige Möglichkeiten zur Arbeit in offenen Unterrichtsformen entwickeln die Schüler zunehmend Kompetenzen im Bereich des selbständigen Handelns.

Durch die Verfügbarkeit der Lerninhalte von zwei Jahren können begabte Kinder in besonderer Weise gefördert werden. Diese Kinder können die jahrgangsgemischte Eingangsklasse in einem Jahr durchlaufen, was dem Überspringen einer Jahrgangsstufe entspricht. Entwicklungsverzögerte Kinder können drei Jahre in der jahrgangsgemischten Eingangsklasse bleiben.

Die Erfahrungen aus dem Modellversuch lassen sich auf die Jahrgangsstufe 3 und 4 übertragen.

 

4. Warum werden jahrgangsgemischte Klassen gebildet?

Es gibt Schulen, die das Prinzip der Jahrgangsmischung aus pädagogischen Gründen so positiv werten, dass sie aus eigenem Antrieb derartige Klassen bilden. In der aktuellen Diskussion geht es jedoch verstärkt um Schulen, die sehr kleine Klassen haben und an denen das Schulamt kombinierte Klassen plant.

Die Anzahl der Lehrerstunden, die einem Schulamt zugewiesen wird, richtet sich nach der Anzahl der Schülerinnen und Schüler im Schulamtsbezirk. Aufgabe des Schulamts ist es dann, im Schulamtsbezirk für ausgewogene Klassenstärken zu sorgen.

Vereinfacht könnte man sagen, dass deshalb jede kleine Klasse (z.B. 18 Schüler) auf der anderen Seite eine sehr große Klasse (z.B. 30 Schüler) erfordert.

Durch die Bildung jahrgangsgemischter Klassen können auch ausgewogenere Klassenstärken im Schulamtsbezirk erreicht werden. Bei sehr kleinen Schulen kann die Schule dadurch erhalten werden.

Die Schülerzahlen werden weiterhin stetig abnehmen. Die Kombination von Klassen kann dazu beitragen, eine Vielzahl kleiner Schulen erhalten zu können.

 

5. Wer entscheidet, welches Kind in die jahrgangsgemischte Klasse kommt?

Bei einigen Schulen ist die Zusammensetzung der Schülerschaft ideal, um eine jahrgangskombinierte Klasse zu bilden. In solchen Fällen hat das Schulamt mit der Schulleitung entsprechende Planungen begonnen.

Wenn innerhalb einer Schule außerdem jahrgangsreine Klassen bestehen, organisiert die Schulleitung die entsprechende Einteilung der Schüler. Nach Möglichkeit wird dabei die Anmeldung der Eltern berücksichtigt, weitere Faktoren wie der Schulweg, bestehende Freundschaften u. a. können dabei eine Rolle spielen.

 

6. Welche Lehrkräfte werden in einer jahrgangsgemischten Klasse eingesetzt?

Für die Arbeit in kombinierten Klassen werden die Lehrkräfte mit besonderer Sorgfalt ausgewählt. In der Regel handelt es sich um erfahrene Lehrer und Lehrerinnen, die bereits mehrfach eine 1. und 2. Klasse geführt haben. Außerdem werden diese Lehrkräfte durch die Regierungen intensiv auf ihre neuen Aufgaben vorbereitet.

 

7. Wie viele kombinierte Klassen gibt es bereits in Bayern?

Im Schuljahr 2005/06 gab es 149 kombinierte Klassen in der Grundschule.

 

8. Welche Unterstützung erhalten kombinierte Klassen?
Kombinierte Klassen erhalten in der Regel fünf zusätzliche Lehrerstunden zur Differenzierung. In diesen Stunden werden die Schüler in Gruppen unterrichtet. Wenn es möglich ist, wird auch ein Förderlehrer - dies sind Lehrkräfte, die ausschließlich ergänzend zum Klassenlehrer eingesetzt werden - in dieser Klasse mitwirken.

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